Sophia hat keine Haare mehr & fühlt sich weiblicher denn je - Shoutout Sunday

Die Geschichte einer jungen Frau, welche gelernt hat, sich bedingungslos zu lieben.


Sophia (phinesophia) ist eine 21-Jährige, vor Leben übersprudelnde Studentin. Wir lernten uns vor etwa einem Jahr kennen, als sie mich mit ein paar ihrer Kommilitoninnen für ein Uni-Projekt interviewte. Sie war offen, freundlich und - ohne Haare. Ich weiß noch, wie ich während unseres Gespräches versuchte, nicht direkt auf ihre Glatze zu starren. Heute tauschen wir die Rollen und Sophia verrät uns, was die Geschichte hinter ihrer außergewöhnlichen Haarpracht ist:

Ich spreche einfach mal an, was offensichtlich ist: Du hast keine Haare - warum?

Ich habe seit meinem 11. Lebensjahr kreisrunden Haarausfall. Das ist eine Autoimmunerkrankung, bei der im Körper die Haarwurzeln abgestoßen werden. Das heißt also, mein Körper wehrt sich dagegen Haare zu produzieren. Die kahlen Stellen hatte ich einzeln verteilt auf dem Kopf, doch es war immer überschaubar. Mit Kortison, das unter die Kopfhaut gespritzt wurde, wuchsen auch einige Zeit immer Haare nach. Allerdings war nie etwas langfristig hilfreich.

Mit zunehmender Zeit wurde klar - Ich werde irgendwann alle Haare verlieren.  

Dieses irgendwann kam im Herbst 2018. Mittlerweile hatte ich weder Haare auf dem Kopf noch im Gesicht. Ich entschied mich spontan die restlichen Fussel auf meinem Kopf abzurasieren. Wie sich später herausstellte, war das eine gute Entscheidung. Auch jetzt habe ich nur noch vereinzelte Behaarung am Körper. Alles andere hat sich verabschiedet. Diese extreme Form des kreisrunden Haarausfalls, bei der nicht nur das Kopfhaar, sondern alle Haare des Körpers betroffen sind, ist sehr selten und die Krankheit leider zu wenig erforscht, um etwas dagegen tun zu können.  

Im Jahr 2018 entschied sich Sophia ihre letzten Haare abzurasieren & fühlt sich seit dem befreit. / ©Sophia Papalamprou

Im Jahr 2018 entschied sich Sophia ihre letzten Haare abzurasieren & fühlt sich seit dem befreit. / ©Sophia Papalamprou

Wie fühlst du dich jetzt, nachdem du deine Haare komplett entfernt hast?

Die ersten Tage ohne Haare waren sehr sehr schwer. Es fühlte sich an, als wäre eine langjährige Beziehung kaputt gegangen. Meine Haare und ich, wir hatten immer ein schwieriges Verhältnis, aber so ganz ohne sie fühlte ich mich einfach leer. Deswegen trug ich anfangs öfter meine Perücke und fühlte mich sonst sehr unwohl.

Die Blicke der Leute verunsicherten mich.

Tatsächlich ließ mich der Zuspruch der Menschen in meinem Umfeld wieder aufblühen. Meine Familie und meine Freunde haben mir in der Zeit so viel gegeben und standen immer hinter mir. Und heute kann ich sagen, dass ich so glücklich bin, endlich wieder in den Spiegel gucken zu können und mich selbst super schön zu finden. 

Ich sehe mein Gesicht - ohne Wimpern, Augenbrauen und Haare. Ja, da sehe ich mich, einfach genau so wie ich halt eben bin und das macht mich sehr glücklich.

Ich muss mich nicht mehr schämen für kahle Stellen zwischen meinen Haaren oder Angst haben, dass ich beim Kratzen am Kopf gleich einen ganzen Haarbüschel in den Händen halte. Ich bin frei. Und vor allem brauche ich morgens nur noch drei Minuten unter der Dusche, keinen Föhn mehr, keine Wimperntusche und bin in Rekordzeit fertig. 

Früher versuchte Sophia ihre kahlen Stellen geschickt zu verbergen. / ©Sophia Papalamprou

Früher versuchte Sophia ihre kahlen Stellen geschickt zu verbergen. / ©Sophia Papalamprou

Frauen lieben ihre Haare. Bei Instagram werden #hairgoals geteilt. Was sagst du dazu? Weiblichkeit trotz Glatze – Passt das?

Ich selbst hatte immer langes, lockiges, fast schwarzes Haar. Alle haben mich bewundert für meine Haare. Sie spiegeln innerhalb der Gesellschaft Weiblichkeit und Schönheit wieder. Lange Haare sind besonders schön und fassen sich toll an. Auch ich sehe das nach wie vor so. Aber eine Glatze fasst sich mindestens genau so schön an

Ich selbst fühle mich momentan weiblicher als je zuvor. 

Das liegt nicht an der Tatsache, ob ich Haare habe oder eben nicht, sondern an dem Maß an Selbstbewusstsein und Selbstliebe, das ich erlangt habe durch die Glatze. Ich liebe meinen Kopf, meinen Körper, MICH einfach so viel mehr und vor allem bedingungslos. Wenn mir danach ist Haare zu haben, dann setze ich eine Perücke auf, das ist eine schöne Abwechslung, weil ich immer in andere Rollen schlüpfen kann. Aber am liebsten bin ich immer noch ganz ohne Haare einfach ich selbst. Ich muss mich nicht verbiegen um mir selbst zu gefallen und genau deswegen muss ich mich auch nicht verbiegen um anderen zu gefallen. 

Obwohl Sophia manchmal eine Perücke aufzieht, trägt Sie am liebsten ihre Glatze. / ©Sophia Papalamprou

Obwohl Sophia manchmal eine Perücke aufzieht, trägt Sie am liebsten ihre Glatze. / ©Sophia Papalamprou

Ich strahle diese Weiblichkeit & Zufriedenheit aus. Ich muss sie nicht auf meinem Kopf tragen. Ich habe sie in mir. Das ist so viel mehr wert.  

Und wie kommt dein Look bei den Männern an?

Eine wirklich super gute Frage! Ich habe seit fast zwei Jahren einen Freund, der mich mit Haaren kennengelernt hat und auch mit mir meine erste Perücke gekauft hat. Er hat sich nie an den kahlen Stellen oder auch jetzt an meiner Glatze gestört. Im Gegenteil, er liebt mich noch viel mehr damit, weil ich es selbst eben auch tue. 

Mir wurde noch nie so viel männliche Aufmerksamkeit zuteil wie jetzt.

Obwohl eine Glatze Männer vermeintlich abschrecken sollte, muss ich dem völlig widersprechen. Ich denke das liegt daran, dass die Glatze mich interessanter macht und die Männer wissen wollen was dahinter steckt. Viele sagen mir auch, dass es meine Ausstrahlung ist, die sie anspricht und die Glatze mir und meinem Wesen überhaupt nichts anhaben kann. Eher im Gegenteil, sie macht mich zu etwas ganz Besonderem.

Sophia wünscht sich, dass viel mehr Frauen anfangen, sich bedingungslos zu lieben. / ©Sophia Papalamprou

Sophia wünscht sich, dass viel mehr Frauen anfangen, sich bedingungslos zu lieben. / ©Sophia Papalamprou


Vielen Dank für deine Offenheit. Was möchtest du den Lesern noch mit auf den Weg geben?

Ich wünsche mir so sehr, dass Menschen sich zu keiner Minute ihres Lebens schämen. Ich will, dass sie raus gehen, etwas erleben und sich selbst nicht zu streng behandeln. Ich selbst sage mir immer: „Es sind nur Haare!“ und das stimmt auch. Ein guter Gedanke für jeden von uns: Niemand auf dieser Welt, wirklich niemand, macht sich so viele Gedanken über dich wie du selbst. Kein Mensch sitzt in der Bahn und überlegt wie du gerade da sitzt. Keiner macht sich Gedanken darüber wie du morgens um 6 Uhr aussiehst. Niemand, außer dir selbst! 

Denkt immer daran, ihr selbst seid der einzige Mensch, mit dem ihr euer ganzes Leben verbringen MÜSST. Also sorgt dafür, dass ihr das beste Leben mit euch habt.

Fangt an euch zu lieben, euch zu feiern, euch selbst mal in den Arm zu nehmen, euch fallen zu lassen & das Leben zu genießen!

Ich wünsche mir, dass alle Menschen so sein können, wie sie sind. Ohne Verachtung, ohne Angst, ohne zu leiden. Und jeder von uns kann das für sich selbst entschieden. Wir haben in der Hand welchen Weg wir gehen. Und irgendwann, hoffe ich, treffen wir uns alle am gleichen Ziel. Wir sind da angekommen, wo wir immer sein wollten - Bei uns selbst.