Danke, liebe Modeindustrie, dass ich mich jeden morgen fett fühle!

Eine Kritik an die Modeindustrie


Liebe (Sommer-)Modeindustrie,

Danke, dass ich mich jeden morgen fett fühle, wenn ich zur Arbeit fahre.

Wann fangt ihr endlich an, Mode für mich zu machen?

Für uns Durchschnittsfrauen: 1,66 cm groß, 71,6 kg und mit einem BMI von 26.

Ich bin für Bademode zum Wohlfühlen am Strand! / ©dontycryonion

Ich bin für Bademode zum Wohlfühlen am Strand! / ©dontycryonion

Jeden Morgen fahre ich mit der U-Bahn zur Arbeit. Jeden morgen strahlt mich im Bahnhof eine ehemalige Topmodel-Gewinnerin im Bikini an. Und jeden Morgen denke ich mir: „Eigentlich hübsch, aber das sieht bei mir bestimmt eh scheiße aus.“ Das denke ich.

Jeden. Verdammten. Morgen.

Wenn ich mich dann in der U-Bahn umschaue, sehe ich viele hübsche Gesichter. Ich sehe fleißige Frauen, die wie ich, jeden Morgen zur Arbeit fahren. Vielleicht haben manche gerade noch ihre Kinder in der Kita abgeladen oder gehen im Kopf schon das anstehende Meeting durch. Ich sehe lauter hübsche Frauen. Die Wenigsten sind gertenschlank, großbusig und mindestens 1,80 m groß. So wie das Model auf dem Plakat mit dem süßen Bikini.

Hübscher Bikini, flacher Bauch, bezauberndes Lächeln - Selbst dieses Bild ist vermutlich bearbeitet.* / ©dontcryonion

Hübscher Bikini, flacher Bauch, bezauberndes Lächeln - Selbst dieses Bild ist vermutlich bearbeitet.* / ©dontcryonion

Draußen sind glühende 30 Grad und ich wette, ich bin nicht die Einzige, die fürs Wochenende plant, an den See zu fahren. Ich krame meinen Lieblingsbikini raus, der mir schon seit vielen Jahren seinen treuen Dienst erweist. Dabei fällt mir das süße Schwimmteil auf dem Plakat im U-Bahnhof ein und ich überlege mir nicht doch mal was Neues für den Sommer zu gönnen.

So schlecht seh ich ja schließlich nicht aus & das Teil wird schon irgendwie passen.

Doch ich weiß jetzt schon, wie das wieder ablaufen wird: Ich wähle im Onlineshop das schöne Modell aus, in der Hoffnung, dass es bei mir genauso toll aussehen wird wie bei der Frau auf dem Bild. Immerhin sehe ich ja jetzt nicht so übel aus, also ab in den Warenkorb damit. Ich fühle mich gut und irgendwie bestätigt, denn ich habe mir was Schönes gegönnt. Wenn ich dann ein paar Tage später den Bikini anprobiere, stelle ich allerdings fest, dass zwischen mir und dem Fotomodel keinerlei Ähnlichkeit besteht. Kein Wunder!

Wenn ich an mir runter blicke, dann sehe ich keine langen, schlanken Beine.

Wie schön wäre es, so ein Kleid an einem 1,65 m großen Model zu sehen.* / @dontcryonion

Wie schön wäre es, so ein Kleid an einem 1,65 m großen Model zu sehen.* / @dontcryonion

Nach ein paar Drehungen vor dem Spiegel und einer ausgiebigen Hüftspeck- und Cellulitekontrolle, landet das Teil letzten Endes wieder im Karton. Und mit ihm das tolle Gefühl der Selbstbestätigung.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sind etwa 37 Prozent der Frauen übergewichtig (Stand 2017) mit steigender Tendenz. Der Grund dafür sei ein übermäßiger Verzehr von energiereichen Lebensmitteln und mangelnde Bewegung. Doch ich gehe jede Wette ein, dass auch so ein Bikini-Model-Plakat der Grund für das steigende Übergewicht in Deutschland ist. Oder zumindest einer der Gründe.

Denn wie fühlen wir Frauen uns, wenn der hübsche Bikini aus der Sommerwerbung unsere Problemzonen hervorhebt, statt sie zu umschmeicheln?

Als ehemalige Fitnesstrainerin kann ich das beantworten. Die meisten Frauen sind frustriert und irgendwie unglücklich. Sie greifen zur nächsten Diät-Kur, googeln die neuesten Abnehm-Trends oder schruppen vor dem Schlafen noch schnell ein paar Sit-ups runter. Nur, um nach ein paar Wochen den ganzen Abnehmwahn über den Haufen zu werfen und noch frustrierter in den nächsten Supermarkt zu stapfen und sich ein 500 ml Super-Chocolate-Fudge-Eisbecher auf einmal reinzudonnern (unzwar nicht die neue Low-Carlorie Version).

wir haben das Gefühl, es wieder mal nicht geschafft zu haben. Und jetzt ist eh alles egal.

Top Ergebnisse der Google-Bildersuche für “Bikini” - Wer kann sich mit diesen Frauen identifizieren?* / ©dontcryonion

Top Ergebnisse der Google-Bildersuche für “Bikini” - Wer kann sich mit diesen Frauen identifizieren?* / ©dontcryonion

Liebe Modeindustrie, wann fangt ihr an, einen Bikini für genau diese Frauen zu machen?

Bademode, in der wir uns wohlfühlen. In der ich mich weiblich fühle, trotz meiner kleinen Oberweite. Und ohne, dass ich zum Super-Push-Up mit eingebauten Auto-Airbags greifen muss. Ich bin nicht auf der Suche nach einem Bikini, in dem ich aussehe wie ein Supermodel, sondern nach einem, in dem ich mich wohlfühle. Ohne, dass dabei am Strand jeder meinen halben Arsch sieht. Ihr macht doch die Mode für uns, oder nicht? Oder sind die neuesten Sommertrends für die Models auf euren Plakaten, damit der U-Bahnhof schöner aussieht? 

Welches Gefühl würde das wohl in mir auslösen, wenn mich jeden morgen eine normal große Frau mit einer normalen Figur in einem tollen Bikini auf einem Plakat anlächelt?

Wie erfrischend wäre es, wenn ich morgens zur U-Bahn laufe und zur Abwechslung mal meine Nachbarin auf einem Plakat sehe. Oder eine Mutter mit zwei Kindern, einem 40 Stundenjob und einem Haushalt, der geführt werden möchte…


*Auf den Bildern gezeigte Marken sowie Models wurden aufgrund von Bilder- und Personenrechte unkenntlich gemacht. Die gezeigten Bilder dienen keinem Werbezweck. Der mit den Bildern zusammenhängende Text stellt keine direkte Kritik an die Marken oder gezeigten Personen dar, sondern dienen als Veranschaulichung.