Google, wie kann ich abnehmen? 90.500 Menschen suchen nach einer Antwort.

Meine Suche nach Verantwortung


„Abnehmen“ wird ungefähr 90.500x im Monat bei Google gesucht. „Schnell abnehmen“ etwa 40.500x und „Abnehmen am Bauch” etwa 18.100x.

Wieso sind wir so besessen davon, abzunehmen?

Vor etwa 12 Monaten fing ich an, als Redakteurin zu arbeiten. Ich schrieb zunächst für ein deutsches Fitness-Food-Unternehmen. Darüber war ich sehr froh, denn als ehemalige Trainerin und Ernährungswissenschaftlerin erhoffte ich mir auf diesen Weg mehr Leute zu erreichen. Meine Artikel sollten Frauen helfen, sich besser zu fühlen und ihre Ziele zu erreichen. Doch bereits nach ein paar Monaten wurde mir klar:

Die Leute wollen immer das gleiche wissen: Wie nehme ich ab? Welche Diät ist die beste? Was kann ich essen, ohne zuzunehmen?

Google Suchvorschläge wenn “abnehmen” gesucht wird. / ©dontycryonion

Google Suchvorschläge wenn “abnehmen” gesucht wird. / ©dontycryonion

Das macht mich sehr traurig und irgendwie auch wütend. In meiner Kritik an die (Sommer-)Modeindustrie zeige ich mit dem Finger auf Designer und Modelabels, die unsere Bahnhöfe mit schlanken Bikinimodels zupflastern und die Frauen somit unter Druck setzen. Manche von euch schrieben mir, dass sie den Artikel super fanden und sich verstanden fühlten. Andere beichteten mir, dass sie sich vor allem im Sommer dick und unwohl fühlen. Und je tiefer ich in die Materie eintauche, desto mehr frage ich mich:

Woher kommt der ganze Zorn, der Selbstzweifel und der Ehrgeiz, jemanden die Schuld in die Schuhe zu schieben?

Jemand anderen, außer uns selbst.

Bereits vor tausend Jahren quetschten wir uns in enge Korsetts und schnallten die Brüste hoch. Im Biedermeier-Zeitalter war ein Taillenumfang von 40 der heißeste Trend. Mollige Frauen waren immer dann in Mode, wenn es wenig zu essen gab. Dann stand ein dicker Bauch für Wohlstand.

Heute ist das Streben nach dem perfekten Körper nicht mehr feministisch korrekt.

Das Gewicht einer Frau ist eine Zahl, die nicht gern verraten wird. / ©Photo by Gesina Kunkel on Unsplash

Das Gewicht einer Frau ist eine Zahl, die nicht gern verraten wird. / ©Photo by Gesina Kunkel on Unsplash

Bist du dünn, isst du zu wenig. Bist du dick, schädigst du deiner Gesundheit. Bist du zufrieden mit dir, hast du einfach nur Glück.

Wieso regen wir uns so gern über dieses Thema auf und verschlingen gleichzeitig 14 Staffeln Germanys Next Topmodel? Viele behaupten jetzt, dass sie Topmodel nur zur Unterhaltung schauen und sich dazu sogar ganz demonstrativ ne Pizza reinpfeifen. Doch wenn wieder 20 gestriegelte Kandidatinnen um das Herz eines Bachelors kämpfen oder 10 nackte Menschen auf eine Insel geschifft werden und das ganze als „Dating Show“ ausgegeben wird, sagt keiner etwas. Also, was macht uns so wütend?

Liegt es vielleicht daran, dass sich bei Topmodel alles um den perfekten Körper dreht? Für viele hört der Spaß an dieser Stelle auf, denn einen Körper haben wir schließlich alle! Die (Mode-)Industrie reibt uns damit immerhin 16 lange Episoden unter die Nase, dass selbst Deutschlands dünnste Mädchen für so manch heiß begehrten Modeljob nicht gut genug sind. Und die Gewinnerin dürfen wir uns dann jeden Tag im U-Bahnhof in einem süßen Bikini ansehen.

Doch anstatt der Industrie die Schuld zu geben, sollten wir uns vielleicht an die eigene Nase fassen?

Fakt ist nämlich, dass Sendungen wie Topmodel die Absatzzahlen, für darin gezeigte Produkte, rapide ansteigen lassen. Wird also nur verdrängt, dass wir, als Konsumenten, bestimmen, was im Trend ist und genauso auch, was hübsch, zu dünn oder gar zu dick ist? Der Attraktivitätsforscher Ulrich Rosar widmet sich genau diesem Thema. In einem Interview erzählt er, dass das Schönheitsideal zwar verzerrt werden würde, indem die Medien überall schöne Models und Schauspieler zeigen.

Fakt ist aber auch, dass wir uns lieber schöne Menschen ansehen & Moderatorinnen sowie Schauspieler deswegen oft schöner als der Durchschnitt seien.

Wow! Und am Ende sitzen 33.100 Leute vor Google und suchen „Diät“ (das Wort “Diät” hat ein monatliches Suchvolumen von etwa 33.100). Meiner Meinung nach klingt das nach einem ordentlichen Schlamassel. 

Wie kann also dieser Kreislauf unterbrochen werden? Ein ausgeprägtes Bewusstsein, mehr Selbstliebe und weniger Kritik wären vielleicht ein Anfang. Und der Einzug von Oversize-Models auf die Laufstege. Doch selbst da scheiden sich die Geister. Nachdem die weltweit bekannte Sportmarke Nike in einem Londoner Store eine übergewichtige Schaufensterpuppe aufgestellt hatte, brach der Shitstorm erst richtig los. Eine Frau auf Instagram schreibt:

Tanya Gold, Journalistin einer britischen Zeitung, berichtete in ihrem Artikel, dass Nike durch die Plus-Size-Puppe Übergewicht fördern würde. Ihrer Meinung nach sei die Schaufensterpuppe gar nicht in der Lage Sport zu machen, sondern geradewegs auf den Weg zu Diabetes. Dafür erntete die Gute harte Kritik im Netz. Dabei wolle Nike mit ihrer neuen Plus-Size-Kollektion lediglich der steigenden Nachfrage für Übergrößen nachgehen.

Schwieriges Thema. Als Ernährungswissenschaftlerin kann ich sagen, dass Übergewicht tatsächlich ab einem bestimmten Grad gesundheitliche Risiken birgt. Ob Nike oder andere Modelabels durch den Einzug von Oversize-Models Übergewicht verherrlichen, ist schwer zu sagen.

Wichtig ist, zu erkennen, dass Übergewicht nicht gleich bedeutet, dass jemand keinen Sport machen kann oder krank ist. Genauso wie jedes schlanke Model nicht gleich magersüchtig ist.

Sollte Gesundheit denn überhaupt am Körpergewicht gemessen werden? Und gibt es überhaupt den perfekten Körper, der allen passt?.