"Gebt niemals auf, denn das Leben kann so schön sein" - Anke Glaßmeyer, Psychotherapeutin - Shoutout Sunday


Ein Beitrag über richtigen “Deeptalk”


Nur Leute mit einem kleinen Knacks studieren Psychologie – Dieses Klischee kennt wohl jeder. So auch Anke (@diepsychotherapeutin). Sie ist ausgebildete, erfolgreiche psychologische Therapeutin und bekannt durch den Podcast: “Die Psychotanten”.

Anke ist den Weg einer Therapie selbst gegangen und unterstützt nun andere dabei. / © Selina Raschke

Anke ist den Weg einer Therapie selbst gegangen und unterstützt nun andere dabei. / © Selina Raschke

Durch ihre eigene Vergangenheit weiß sie was es bedeutet, Hilfe zu benötigen, denn Anke litt jahrelang an einer Essstörung. Als sie 11 Jahre alt war, sagte man ihr, dass sie sterben würde, wenn sie ihre Krankheit nicht in den Griff bekäme. Mittlerweile ist Anke 32 und hat sich als Psychotherapeutin und Hundemutti einen Lebenstraum erfüllt. Doch wie ist das als ehemalige Patientin andere zu therapieren – geht das überhaupt? Ich habe Anke gefragt: 

Wieso hast du beschlossen, Therapeutin zu werden?

Ich habe früher in der Klinik, in der ich wegen meiner Essstörung behandelt wurde, ziemlich doofe Erfahrungen in der Therapie machen müssen und damals beschlossen: „Ich werde mal Psychotherapeutin. Ich mache das mal anders“. Und dabei blieb es auch. Ich studierte Psychologie und machte die Psychotherapeutenausbildung.

Der Wunsch half mir dabei, nie den Kampf gegen die Essstörung aufzugeben. Ich hatte immer ein Ziel, für das es sich lohnte, weiter zu machen und zu kämpfen.

Letztes Jahr erlangte ich dann meine Approbation.

Was machst du anders als Therapeutin? 

Was ich anders mache? Puh, das weiß ich gar nicht. Mir ist es in der Therapie auf jeden Fall wichtig mit dem Patienten auf Augenhöhe zu sein und nicht von oben herab zu therapieren. Der Patient ist immer sein eigener Experte. Ich erkläre viel und versuche, dass der Patient seine Krankheit gut versteht. Auch kenne ich natürlich vieles aus der Patientensicht und kann mich da meist recht gut in ihre Lage zu versetzen. Das können meine Kollegen, die nie krank waren, sicherlich auch sehr gut aber einige Patienten wählen mich gerade deswegen als Therapeutin aus.

Kann man sich als ausgebildete Therapeutin nicht selbst therapieren?

Selbsttherapie funktioniert meiner Meinung nach nicht. Ich habe es auch nie versucht. Als Therapeut kennt man natürlich viele Theorien, hat Erfahrungen gesammelt und weiß, worauf man achten muss. Wenn man vor Herausforderungen im Leben steht, dann ist man meist gut gefestigt. Kommt dann aber alles zusammen oder es trifft einen ein Schicksalsschlag, dann sind Therapeuten auch nur ganz normale Menschen und eventuell „betriebsblind“.

Man munkelt ja, dass Psychotherapeuten alle nur Psychologie studieren, um sich selbst zu heilen. Es wäre schön, wenn das funktionieren würde, aber ich kenne niemanden, der sich z.B. durch sein Studium selbst heilen konnte. 

Ich selbst spreche bei Problemen ja auch mit Freunden oder Kollegen und mache nicht alles mit mir allein aus „nur weil ich Psychotherapeutin bin“. Ich bin dankbar über die Sicht von nahestehenden Menschen, wenn ich den Wald vor Bäumen mal nicht sehe. Außerdem kennen das wahrscheinlich viele: anderen Menschen gibt man schneller (und leichter) Ratschläge als sich selbst.

Anke motiviert jeden dazu über seine Probleme mit anderen Menschen zu sprechen. / © Selina Raschke

Anke motiviert jeden dazu über seine Probleme mit anderen Menschen zu sprechen. / © Selina Raschke

Letzen Endes sind Psychotherapeuten Menschen wie du und ich. Auch sie können psychisch erkranken und benötigen dann professionelle Hilfe. Manchmal kommen sie vielleicht selbst auf die Lösungen für ihre Probleme. Ich wage aber zu bezweifeln, dass sie nie den Rat von anderen einholen. Außerdem operiert sich ein Chirurg auch nicht selbst oder der Frisör schneidet sich meist auch nicht selbst die Haare.

Mit deinem Instagram-Account bist du sehr erfolgreich. Versuchst du die Leute über deinen Account zu therapieren?

Nein, das mache ich bewusst nicht. Das wäre unprofessionell. Ich kenne mein Gegenüber und seine Lebensgeschichte ja nicht und weiß nicht, was ich mit dem, was ich schreibe beim anderen auslöse. Worte oder Tipps könnten die Person eher destabilisieren, retraumatisieren oder einfach belasten und so etwas will ich auf keinen Fall. Zudem können durch die geschriebene Sprache Missverständnisse etc. entstehen und der Datenschutz ist bei Instagram auch nicht gewährleistet. Wenn jemand Rat von mir möchte, dann gibt es meine psychologische Onlineberatung. Da spreche ich mit dem Klienten per zertifiziertem, sicherem Videodienst und biete meine Hilfe an.

Ein paar meiner Leser haben auch Fragen an dich:

Was sind die häufigsten Probleme, mit denen deine Patienten zu kämpfen haben?

Am häufigsten kommen momentan Menschen mit Depressionen und/ oder Angststörungen zu mir.

Wie schafft man es, sich unabhängiger von der Meinung anderer zu machen?

Da gibt es meiner Meinung nach keine pauschale Antwort drauf und da wären wir wieder bei meiner Einstellung, dass ich ungern Tipps gebe, wenn ich das Gegenüber nicht kenne. Man sollte aber an seinem Selbstbewusstsein arbeiten und schauen, weshalb man sich abhängig von anderen Menschen macht

Stimmt es, dass Therapeuten regelmäßig zu Therapeutentreffen gehen müssen, um sich auszutauschen?

Das stimmt und das nennt sich Supervision. Sie dient dazu, die Qualität der Therapie zu verbessern und „blinde Flecke“ zu vermeiden. 

In den Sitzungen bespricht man mit einem Supervisor (erfahrender Kollege, der eine extra Ausbildung hat) z.B. den Behandlungsverlauf von Patienten oder welche Methoden man angewandt hat. Der Supervisor gibt dann Tipps oder hinterfragt Dinge, sodass man selbst auch eine andere Sicht bekommt (jeder hat blinde Flecke). Auch wenn man Probleme mit einem Patienten hat oder nicht weiter kommt kann man sich an den Supervisor wenden. Ich mache das immer sehr gerne, da man sich selbst immer wieder reflektieren muss und neue Erkenntnisse gewinnt.

Probleme zu haben ist nichts wofür man sich schämen muss. / © Selina Raschke

Probleme zu haben ist nichts wofür man sich schämen muss. / © Selina Raschke

Was möchtest du den Lesern sonst noch mit auf den Weg geben?

Wenn es euch nicht gut geht oder ihr das Gefühl habt, eine psychische Erkrankung zu haben, dann sucht euch Hilfe und versteckt euch nicht. Ich weiß, dass das immer noch ein recht großes Tabuthema ist, aber ich finde, niemand sollte sich dafür schämen.

Gebt niemals auf, denn das Leben kann so schön sein.

Ich erlebe auch immer wieder wie meine Patienten wieder anfangen zu leben, wenn sie sich Hilfe suchen und es ihnen besser geht. Das ist so wunderschön, denn niemand hat es verdient unglücklich zu sein. Dafür muss man sich aber oft Hilfe suchen und die gibt es. Lasst euch von den langen Wartezeiten nicht abschrecken. Gebt niemals auf, denn das Leben kann so schön sein.